Reportage GS Trophy 2010 – Große Jungs in der afrikanischen Buddelkiste
BMW Motorrad hat vom 13. bis 21. November dreißig Spitzenfahrer – aber allesamt Amateure – auf die GS Trophy 2010 durch den Süden Afrikas geschickt. Ihr konntet das Event live hier auf ridexperience.de verfolgen, weil unser Korrespondent moto1203 täglich für uns berichtet hat. Jetzt hat er seine Eindrücke noch einmal zusammen gefasst. Die Reportage wollen wir Euch wie eine kurze Video-Zusammenfassung von BMW nicht vorenthalten. Enjoy!

Stress, Schweiß und Tränen im afrikanischen Sand ...
Große Jungs in der afrikanischen Buddelkiste
Auf einem sandigen, tief gefurchten Waldpfad kurz hinter der Grenze zwischen Mosambik und Südafrika schießen Shigechika Aikawa die Tränen in die Augen. Es sind Tränen des Schmerzes und des Zorns auf sich selbst. Aikawa, der Toyota-Ingenieur aus Nagoya, ist völlig erschöpft. Sein Motorrad hat sich auf die Seite gelegt und ihn unter sich begraben. Die linke Fußraste hat ihm wohl durch den Stiefel hindurch einen Zeh gebrochen.

Sturzschäden - das ging auf den Zeh.
Doch diese Verletzung spürt er im Moment nicht, was ihn schmerzt, ist die Gewissheit: Er liegt hilflos im Sand und das ist unwiderruflich das Aus. Die GS Trophy 2010 ist für ihn gelaufen, sein Team Japan muss ohne ihn weiter fahren. Das Abenteuer, auf das er sich monatelang gefreut und vorbereitet hat, und von dessen erfolgreichem Ende er noch seinen Enkeln erzählen wollte, ist vorbei.
Aikawa ist einer der 30 Freizeitfahrer, die BMW zu einer Motorrad-Rallye durch Südafrika, Swasiland und Mosambik eingeladen hat. Die GS Trophy 2010 – die erste führte vor zwei Jahren durch Tunesien – ist ein symbiotisches Event. Alle Beteiligten geben und nehmen viel.
Die Teilnehmer aus zwölf Nationen haben sich bei lokalen Vorausscheidungen für die Drei-Mann-Teams qualifiziert; für die meisten Fahrer ist die Woche im November, die BMW ihnen schenkt, die Motorrad-Tour ihres Lebens. Für BMW Motorrad Marketing ist die Veranstaltung zum 30jährigen Jubiläum der GS-Modellreihe ein weiterer Baustein, die Marktführerschaft ihrer Modelle in der Klasse der Groß-Enduros zu festigen.
Der Mastermind
Tomm Wolf ist ein raumgreifender Mensch mit einer riesigen Aura. Der sympathische Münchener strahlt Liebe zum Motorrad und Abenteuer aus. Der alt gediente BMW-Mann und Offroader ist der König im Fahrerlager; Wolf hat die Veranstaltung erfunden und vor Ort organisiert. Während der GS Trophy läuft der Film ab, den er ersonnen hat. “Ich bin mit meinen Leuten schon fast zwei Jahre dran. Ich schätze, wir haben 10.000 Kilometer Strecke durch Farmland, durch die Berge in Swasiland und die Sandstriche an der mosambikanischen Küste abgefahren, bis wir die Route beisammen hatten.”

Tomm Wolf (re.) mit Leihmaschine
Die Drei-Länder-Rallye ist für die Auserwählten ein rauschhaftes Erlebnis, für BMW eine aberwitzige Logistikschlacht. Die Firma hat insgesamt 60 Motorräder, 50 leichtere 800er Modelle und 10 Boxer-Enduros, für die Veranstaltung aufbauen lassen und ins Land gebracht. Der Tross der Begleitfahrzeuge, der sich hinter den Teilnehmern, den südafrikanischen Guides und den Medienvertretern durchs Land wälzt, ist riesig: Ärzte, BMW-Videomannschaften, Abschleppfahrer, Gepäcktransporteure und Offizielle.
Tomm Wolf hat Kompromisse eingehen müssen: “Am liebsten mag ich immer noch die Touren mit ein oder zwei Leuten, bei denen man morgens nicht weiß, wo man abends ankommt.” Nur an einem Punkt hat er nicht mit sich handeln lassen müssen: “Da waren BMW und ich uns hundert Prozent einig – die GS Trophy ist kein Rennen für Profis. Von der Trophy muss der normale GS-Fahrer zu Hause träumen können und sagen – eh, das könnte doch ich sein.”
Deshalb wird die Trophy auch nicht wie ein Rennen ausgefahren. Die Gewinner werden auf den Etappen während zwanzig Sonderprüfungen ermittelt. Bei denen zählt nicht purer Speed, sondern Team-Geist, Geschicklichkeit, Kombinationsgabe und Navigationskönnen bringen die Punkte zum Sieg.
Abenteuer für Amateure
Brian Kiely kann extrem hartnäckig sein, wenn er sich etwas in den Kopf gesetzt hat: “Südafrika, das war mein Traum. Ich wollte mitmachen und mich frei von allem fühlen.” Nachdem er bei den Vorausscheidungen im Westen Kanadas nur den dritten Platz belegt hatte, ritt er Wochen später 4000 Kilometer auf seiner GS ab, um dort an der zweiten “Challenge” im äußersten Osten des Landes teilzunehmen. Wieder nur Platz Drei, aber Kiely hat Glück. Der Zweitplatzierte wird disqualifiziert, der Sieger zieht kurzfristig zurück: “Ich hab Go Canada, Go geschrien!”
Der Brite Allistair Allan stolperte über eine kleine Anzeige in einer Motorradzeitung. Und qualifizierte sich. Ein Problem: Hier die einmalige Chance, da die Arbeit. “Eigentlich kann ich meine Farm nicht so lange allein lassen. Aber meine Frau sagte, wenn Du die zehn Tage nicht weg fliegst, hockst Du mir nur monatelang missmutig in der Bude rum.”

Ally Allan nach einer Sonderprüfung. Geschafft.
Die meisten Mannschaften haben sich erst am Flughafen getroffen, die wenigsten sind vor der Trophy zusammen gefahren. Ein wenig Krafttraining hat jeder gemacht, ja, aber Zeit für ein echtes Trainingslager hatten nur die drei jungen Südafrikaner. Die sind heiß.
Gelungene Symbiose
Auch mir ist heiß, brutal heiß von der Pace, die Christian Pingitzer im zerfurchten Tiefsand in Mosambik an den Tag legt. Der Marketing-Mann von BMW fährt voraus; meine Maschine schlingert und wuchtet hinterher. Es sind noch 30 harte Kilometer bis zu unserem Tagesziel Ponta do Ouro am Indischen Ozean.
Einsame Stunden auf dem Motorrad regen die Gedanken an. Ganz schön clever, diese BMW-Leute: Jedem Länder-Team einen mitfahrenden Journalisten zuzuteilen, ist ein klassischer Fall von “Embedded Journalism Light”. Die emotionale Bruderschaft verwischt die Grenzen zwischen Wahrnehmung und Begeisterung. Erinnert mich an Greenpeace – wo sich man sich als kritischer Berichterstatter nach ein paar Tagen auf hoher See selbst als Aktionist fühlt und Wache halten will.

Sandwedeln.
Sei es drum; Spaß macht das motorisierte Sandsurfen allemal. Und gegen die Symbiose – im Sinne von gegenseitigem Nutzen – ist unter unseren speziellen Umständen auch wenig einzuwenden: Zack, und schon hat es mich wieder auf die Fresse gehauen. Weich gefallen, trotzdem ist beim Anheben von 200 Kilo Leergewicht Pingitzers Power hoch willkommen. Einen Kilometer weiter in der nächsten Düne ist er dran und genauso dankbar für die Hilfe.
Team Deutschland
Auch Thomas Donnecker, Dirk Remmel und Werner Modelmann sind zum Gewinnen der GS Trophy nach Südafrika geflogen. Auch wenn sie es nicht zugeben mögen. Modelmann sagt: “Hey, klar könnten wir das Ding reißen. Aber in erster Linie wollen wir doch unseren Spaß haben und aus dem Alltag rauskommen.”

Team Deutschland: Remmel, Modelmann und Donnecker
Nach acht Tagen und 20 Sonderprüfungen ist Modelmann bei der Preisverleihung dann doch sichtlich enttäuscht. Im Team hat es gut gepasst, aber es lief nicht gut nach den ersten verheißungsvollen Tagen. Beim Final-Parcours ging gar alles schief; die langen Tage in Afrika haben Tribut gefordert und jegliche Konzentration wie ein trockener Schwamm aufgesaugt. Ein achter Platz. Christian Pingitzer verkündet andere Sieger: “And the winner is …. Team England.”
Tomm Wolf ist jetzt ganz entspannt. Er nimmt mich zur Seite und lacht: “Sag ich doch: This is not a race. Zwei in die Jahre gekommene Farmer und ein Kette rauchender Bauunternehmer aus den Midlands. Wenn die Truppe die Internationale GS Trophy gewinnt, dann ist es definitiv kein Rennen. Sondern ein echtes Abenteuer.”
Wolf kennt sich aus. Alle haben etwas für sich gewonnen. Er, die Fahrer und BMW: dreißig lebenslange Marken-Botschafter.
(c) moto1203
Hier noch einmal der Link zu allen Tagesberichten während der Rallye und der BMW-Video.
















Hinterlasse einen Kommentar